07.12.2017

Beste wirtschaftliche Voraussetzungen für IPM ESSEN 2018

Nachfrage nach lebendem Grün wächst weiter

Die IPM ESSEN versammelt vom 23. bis zum 26. Januar 2018 die gesamte internationale grüne Branche in der Messe Essen. Auf der Weltleitmesse des Gartenbaus werden nicht nur die aktuellen Pflanzentrends vorgestellt, sie ist auch internationale Orderplattform Nummer eins. Die Prognosen für das kommende Geschäftsjahr könnten besser nicht sein. Die allgemeinen wirtschaftlichen Zeichen stehen auf Wachstum. Davon profitiert auch der Gartenbau. Politische Unsicherheiten im globalen Umfeld haben kaum Auswirkungen auf den Absatz. So startete auch die Branche 2017 gut gelaunt in das Gartenjahr. Gerade Deutschland, welches 2016 mit einem Markvolumen von 8,7 Mrd. € zu Einzelhandelspreisen ein Rekordjahr verbuchte (plus 2,5 % zum Vorjahr), knüpfte nahtlos an die allgemein wachsenden Nachfrage nach Grün an.

Laut führender Wirtschaftsinstitute (IFO-Institut / Berliner DIW, Essener RWI, Kieler IfW IWH Halle) geht es Deutschland, aber auch Europa, gut. Die deutsche Wirtschaft werde 2017, bedingt durch einen guten Konsum, steigenden Außenhandel und verstärkter Investitionen, um 1,9 % wachsen. Das sind 0,4 % mehr als Anfang 2017 noch erwartet. Der „Aufschwung habe an Stärke und Breite“ zugenommen und werde auch 2018 in ganz Europa anhalten (Prognose: 2,1 % für Deutschland).

Die Auftragslage und die Zukunftsaussichten sind laut Unternehmen so gut wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Kein Wunder, dass sich auch der ifo Geschäftsklimaindex (ifo Index) als weicher Frühindikator für die Konjunktur in Deutschland mit ca. 115 Punkten im Herbst 2017 weiterhin deutlich über seinem langfristigen Mittelwert von 102,1 Punkten zeigt.

Kurz vor einer Überhitzung?

Gleichzeitig warnen die Wirtschaftsinstitute aber auch vor einem Konjunkturabsturz. Die Kauflaune der Verbraucher hat 2017 zwar spürbar zugelegt und ist aktuell immer noch hoch. Die Kapazitäten der Wirtschaft seien wie kurz vor der großen Finanz- und Weltwirtschaftskrise im „Boom-Jahr 2007“ - nicht nur gut ausgelastet, sondern ähnlich überlastet.

Viele Unternehmen würden durch gute Auftragslagen und Niedrigzinspolitik zu überdimensionierten Investitionen verleitet, die nicht unbedingt nachhaltig geplant seien. Der Konjunkturzyklus sei schon sehr weit fortgeschritten. Der Aufwärtstrend könnte stoppen. Die Zinswende ist ebenfalls absehbar. Auch die Gartenbaubranche und der Handel mit Blumen und Pflanzen schwimmt auf dieser Welle mit und ist vor einer „Überhitzung“ nicht geschützt.

In der Praxis zeigen sich aktuell mit REWE (gartenliebe.de) oder dem Start-up Bloomy Days erste Beispiele, wo sich Händler nach einem erfolgreichen Start wieder aus dem „überhitzten“ Geschäftsfeld zurückziehen oder dieses anderen überlassen.

Wetter gut – alles gut!

Ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als die wirtschaftlichen Rahmen-bedingungen, ist nach wie vor das Wetter. Stark schwankende Witterung im April und Juni 2017, späte Nachtfröste und einige Wochen mit außergewöhnlich heißen Temperaturen trübten manchmal die gute Stimmung in Deutschland und sorgten kurzzeitig sowohl bei Schnittblumen als auch Topfpflanzen für einen leichten Mengenrückgang.

In der Summe ist das erste Halbjahr 2017 aber sehr gut gewesen. Der Mai und gerade das Muttertags-Geschäft waren zufriedenstellend. Der Großhandel registrierte gleiche bis leicht höhere Umsätze als in den beiden Vorjahren, die ebenfalls schon als gut bewertet wurden. Allgemein sind die Feiertage, an denen traditionell Blumen verschenkt werden - „Blumenfeiertage“ - auf allen Handelsstufen gut gelaufen. Die Absatzmengen stimmten. Preislich wäre der Verbraucher sicherlich bereit gewesen, etwas höhere Preise zu akzeptieren. So hätten auch der Gärtner und der Großhandel auskömmliche Preise erzielen können. Der Mut zu einer leichten Preiserhöhung beim Verbraucher, die der gesamten Wertschöpfungskette zu Gute gekommen wäre, war allerdings nicht erkennbar.

Größere und ausgefallenere Produkte

Die Beobachtungen des letzten Jahres, dass höherwertige und ausgefallenere Produkte an Beliebtheit gewinnen, ist auch 2017 zu machen. So meldet nicht nur die Veiling Rhein-Maas diesen Trend. An der Versteigerung würden zunehmend mehr höherwertige Produkte in größeren Töpfen gehandelt. Auch bei Schnittblumen würden die Kunden sich immer stärker für ausgefallene Produkte, Spezialitäten, Raritäten, Novitäten und hochwertige Sortierungen interessieren. Ähnliche Aussagen teilen auch die Produzenten und Händler der deutschen Blumengroßmärkte.

Diese Beobachtung bedingt theoretisch einen weiter fortschreitenden Preisanstieg auf Endverbraucherebene mit höheren Umsätzen. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Blumen und Pflanzen in Deutschland sollten dadurch 2017 mindestens die 106 €-Marke aus 2016 ausweisen, wenn nicht sogar übertreffen.

Dass die Pro-Kopf-Ausgaben ausbaufähig sind, zeigt eine Untersuchung der IFG-Retail Consultans GmbH. Demnach geben die Niederländer und die Luxemburger mit 377 € bzw. 354 € pro Kopf deutlich mehr für Gartenbauprodukte (inkl. Gartenzubehör) aus als die Deutschen (225 €). Auch Österreich und Schweden geben mit ca. 275 € mehr aus.

Vielzahl der Kontakte ist wichtig

Wie wichtig die Anzahl an Kontaktpunkten und Angebotsformaten für den Absatz von gartenbaulichen Produkten ist, zeigen die Pro-Kopf-Ausgaben der Länder aus dem osteuropäischen Raum wie bspw. Lettland, Slowakei, Polen, Litauen und Bulgarien. Deren Pro-Kopf-Ausgaben liegen in einem Bereich von 40 € bis ca. 54 €. Diese Tatsache ist sicherlich durch die allgemein geringere Kaufkraft in den genannten Ländern zu erklären, nicht aber durch mangelndes Interesse an Grün. Grüne Themen liegen auch hier im Trend. Die Wachstumspotenziale sind beträchtlich. So sind beispielsweise die Pro-Kopf-Ausgaben für Gartenartikel in Lettland im Vergleich zu 2010 um ca. 24 % gestiegen. Die Erklärung ist also viel mehr in den fehlenden Einkaufsformaten zu suchen. Diese Länder haben kaum Fachgartencenter, bei denen „Lebendes Grün“ im Fokus steht. Erst nach und nach ziehen verschiedene Angebotsformate ein und sorgen so für eine überdurchschnittliche Dynamik. So werden die baltischen Staaten und Länder Osteuropas immer interessanter für den Absatz von Blumen und Pflanzen in der EU. Denn, die Affinität für Blumen und Pflanzen ist auch hier gegeben. Vielfalt gewinnt – das muss sich die Branche bewahren.

  Flexible Handelsbeziehungen sorgen für Absatz

Zur Erinnerung: 2016 war der europäische Markt – trotz steigender Im- und Exporte bei Blumen und Pflanzen – durch Verunsicherung geprägt. „Brexit“ und „Russland“ waren die domminierenden Gesprächsthemen, deren spürbaren Auswirkungen damals nicht vor Ende 2017 erwartet wurden.

Gerade die Niederlande, als absolute Nummer eins im Handel von Blumen und Pflanzen in der EU (mit einem Anteil von ca. 80 % des innergemeinschaftlichen Handels), befürchteten Einbußen in ihrer Funktion als Drehscheibe für den europäischen Markt. So spürten die Niederländer direkt nach dem britischen Referendum Rückgänge der Verkaufsmengen nach Großbritannien um ca. 5 %. Die Briten importieren ca. 90 % ihres Bedarfs an Blumen und Pflanzen. Aktuell liegen die Rückgänge der Verkaufsmengen jeden Monat immer noch bei ca. minus 6 % bis 10 %, was vor allem durch das schwache Pfund begründet wird.

Auch der Exportanteil der Niederlande nach Russland nahm ab und halbierte sich innerhalb der letzten drei Jahre. In kürzester Zeit (bis Ende 2016) verschwand Russland vom vierten Platz der Top-10-Liste der Exportländer der Niederlande. Aktuell ist Russland jedoch wieder unter den Top-10-Zielländern. Die Ausfuhren nach Russland haben bis zum Sommer 2017 insgesamt um ca. 36 % im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Der russische Markt scheint sich etwas zu erholen. Ob er eine verlässliche Absatzmöglichkeit darstellt, muss sich zeigen.

Wie dem auch sei, beide Zielmärkte zeigen eine Entwicklung, die den Aufbau neuer Handelsbeziehungen erfordert - was im Jahr 2017 auch ganz in diesem Sinne erfolgte. Viele Experten sind sich einig: Großbritannien und Russland werden sich langfristig anderweitig mit Blumen und Pflanzen versorgen.

Herausforderungen wurden angenommen

Diese Herausforderung wurde 2017 angenommen und gemeistert. Schon im Frühjahr 2017 zeichnete sich ab, dass der Exportwert der Blumen und Pflanzen aus den Niederlanden trotz der politischen Unsicherheiten steigt. Ende April lag er bereits mit ca. 2.2 Mrd. € um 6 % höher als im Vorjahr.

Ende Mai 2017 meldete die VGB als Vereinigung der Großhändler von Zierpflanzenprodukten in Aalsmeer einen Rekord: Noch nie sei die Umsatzgrenze von 3 Mrd. € in einem Jahr so schnell erreicht worden wie in 2017. Hierzu trug vor allem der Mai bei. Ein Verkaufswert von ca. 730 Mio. € allein in einem einzigen Monat wurde bisher ebenfalls noch nie erzielt.

Fokus außerhalb der klassischen Zielländer

Auffällig dabei ist, dass neben der relativ großen Steigerung des Umsatzes und den höheren Exportwerten nach Deutschland, vor allem Exporte außerhalb der Top-10-Länder getätigt wurden.

Dies ist ein Indiz dafür, dass die Exporteure bewusst auf spezielle Märkte setzen, die sonst nicht im Fokus stehen. Während die Exportwerte der Top-10-Zielländer im Frühjahr 2017 um 3 % stiegen, wuchsen die Werte für die anderen Exportländer um 17 % auf 500 Mio. €.

Zwar machen die Top-10-Zielländer immer noch fast 80 % des Exportwertes aus, ein Vergleich der Zahlen zu 2014 zeigt aber, dass der Anteil mit ca. 84 % auch schon einmal größer war. Es kommt also zu einer leichten Verschiebung der Marktanteile der Top-10-Exportmärkte, hin zu den mehr als 100 anderen Exportzielländern.

Polen wird stärker

Auch 2017 wächst die Bedeutung von Polen als Exportmarkt für Blumen und Pflanzen weiter. Allein aus den Niederlanden wurden im ersten Halbjahr deutlich mehr Blumen und Pflanzen nach Polen exportiert (plus 27 %). Damit hat Polen sich als interessanter Exportmarkt weiter gefestigt und sich erstmalig unter den Top-5 der größten Abnehmer-Länder der Niederlande etabliert.

Nicht umsonst überdenken die Niederländer ihre Werbung mit Blick auf die Wachstumsmärkte Osteuropas. Laut dem niederländischen Agrarrat Martijn Homann in Warschau stecke speziell im polnischen Markt noch viel Absatzpotenzial; gerade beim Absatz über Supermärkte. Der Absatz von Blumen und Pflanzen über Supermarktketten wie Biedronka, aber auch Tesco, Lidl und Auchan steigt in den letzten drei Jahren stetig. Entsprechend stark steigen auch die Importe von Polen, welches aktuell durch eine kleingliedrige und zersplitterte Produktion von Blumen und Pflanzen gekennzeichnet ist. Die lokale Produktion weist außerdem einen starken Fachkräftemangel und eine begrenzte Produktionsfläche (< 5.000 ha) aus. Die in Polen produzierten Blumen und Pflanzen werden dabei gezielt für Großstädte wie bspw. Warschau, Lods, Posen oder Breslau produziert. In den Großstädten leben ca. 33 % der Bevölkerung.

Betrachtet man noch die ökonomische Entwicklung des Landes, mit einem jährlichen Wachstum von 4 % und einer Arbeitslosenquote von 6 %, ist das Land ein durchaus interessantes Ziel für den Export von Blumen und Pflanzen.

Türkei wird interessant

Aber auch die Türkei ist ein interessanter Markt, den es trotz politischer Unsicherheiten zu entwickeln gilt. Seit zweieinhalb Jahren investiert Royal FloraHolland bspw. sehr viel Zeit in Expansionspläne. Die Türkei soll dabei als Drehscheibe im Handel zwischen Europa, Asien, Afrika und speziell dem arabischen Raum fungieren. In erster Linie geht es hier um den Abbau der Handelsbarrieren zwischen der Türkei und den Niederlanden. Aktuell ist der Handel durch Einfuhrzölle von 48,6% auf Pflanzen und 24,5 % auf Schnittblumen gekennzeichnet und entsprechend unattraktiv. Die Exporte an Blumen und Pflanzen aus der Türkei sollen bis 2023 von 80 Mio. € auf rund 500 Mio. € ausgebaut werden.

Das Land ist aber auch neben der Drehscheibenfunktion sehr interessant, denn die Türkei hat ca. 80. Mio. Einwohner und eine junge Bevölkerungsstruktur mit steigenden Konsumausgaben und wachsendem Interesse für Blumen und Pflanzen.

 

Fortsetzung folgt

Der zweite Teil der IPM-Marktbeschreibung legt den Fokus auf die zunehmende Digitalisierung sowie gesellschaftliche Trends und liefert Antworten auf die Fragen: Vor welche Herausforderungen wird der grüne stationäre Handel in Zeiten von E-Commerce gestellt? Welche Chancen ergeben sich daraus? Welche Auswirkungen haben Megatrends auf das Kaufverhalten der Kunden? Wie kann die grüne Branche davon profitieren?